Warum du „Black Sails“ gucken solltest

Seit einigen Jahren habe ich eine ganz klare Antwort, wenn ich nach meiner Lieblingsserie gefragt werde: Black Sails ist wahrscheinlich das Beste, was ich je im Fernsehen gesehen habe. Trotzdem kennt sie gefühlt kaum jemand, das möchte ich ändern.

Ich habe drei Arten, wie ich diese Show vorstelle mit unterschiedlichem Spoilergehalt: Von „das findet sich auch im Promomaterial“ bis zu Story Spoiler bis tief in Staffel zwei. Starten wir mit der Version ohne Spoiler:

  1. „Back Sails“ ist „Game of Thrones“ mit Piraten, hat aber im Gegensatz zu „Game of Thrones“ ein befriedigendes Ende.

Die Serie hat vier Staffeln und genau so viele braucht es auch, um die Geschichte rund um Captain Flint zu Ende zu erzählen. Bereitet euch vor auf Gewalt, Sex und Intrigen, bildgewaltig erzählt und exzellent besetzt. Hier auch direkt eine Trigger-Warnung: Direkt in den ersten Folgen geht es sehr explizit um sexuelle Gewalt. Vielleicht einer der größten Kritikpunkte an der Serie ist, dass man grade in der ersten Staffel oft das Gefühl hat, dass hier der Schockfaktor im Vordergrund steht und dieses Thema bei weitem nicht mit der notwendigen Tiefe behandelt wird. Wen das nicht abschreckt, dem sei gesagt, allein für die wirklich großartig inszenierten Seeschlachten und die schauspielerischen Leistungen von Toby Stevens, Luke Arnold, Toby Schmitz, Jessica Parker Kennedy und Clara Paget lohnt es sich schon, der Serie eine Chance zu geben.
Wenn euch das schon überzeugt hat, dann hört am besten jetzt auf zu lesen und besorgt euch die Serie. Ich bin der nämlich auch der Überzeugung, dass man besten so blind wie möglich an „Black Sails“ rangeht.

  1. „Black Sails“ ist eine Meditation über die Macht von Geschichten und wer sie erzählt.

Die grundlegende Prämisse der Serie ist, dass sie als eine Art Prequel zu „Die Schatzinsel“ funktioniert. Mit dem Twist, dass die aus den Büchern bekannten Figuren Captain Flint, Long John Silver und Billy Bones mitten in das historische goldene Zeitalter der Piraterie geworfen werden. Zahlreiche Charaktere sind so an echte historische Figuren wie Anne Bonny, Jack Rackham, Charles Vane, Woodes Rodgers und Edward Teach (auch bekannt als Blackbeard) angelehnt. Die Serie beschäftigt sich dabei insbesondere in den späteren Staffeln mit dem Leben marginalisierter Gruppen und stellt die Frage, wer seine Geschichte für die Nachwelt erzählen darf und wie dass das Bild prägt, das wir von einer Epoche haben. Es geht dabei viel um das Verhältnis der Piraten zur Sklaverei, aber auch um das Leben von Prostituierten und dieser Gesellschaft. Am Ende bleibt die Frage, was wichtiger ist, die Wahrheit oder eine gut erzählte Geschichte?

Hier noch eine letzte Wahrung, weil es jetzt richtig massive Spoiler für Staffel zwei gibt.

  1. Black Sails ist DIE queere* Piratenserie.

Wenn ihr jetzt denk, „Hä, das habe ich die doch letztens auf RTL+ gesehen, das war doch was ganz anderes. Was redet die da?“ – Nein, das war „Our Flag Means Death“. Auch sehr gut besetzt, auch eure Zeit wert, aber deutlich leichter im Ton und meiner Meinung nach mit deutlich weniger Tiefgang. Im Unterschied zu „Our Flag Means Death“ wurde „Black Sails“ auch nie als ausdrücklich queer vermarktet und das ist Absicht. Als „Black Sails“ herauskam wurde es so angepriesen, wie ich das oben im Text auch getan habe, als Antwort auf „Game of Thrones“, aber mit Piraten und mit Michael Bay als Produzenten. Das Zielpublikum war damit relativ klar: Heterosexuelle Männer, die „Game of Thrones“ toll fanden, nicht trotz, sondern wegen der expliziten Gewalt und der vielen (weiblichen) nackten Haut. Ob man das jetzt als bewussten Plan der Serienmacher sehen will, um die Zuschauer in die Irre zu führen oder es einfach dem Fakt geschuldet ist, dass damals fast alles als „Game of Thrones aber mit X“ vermarktet wurde, kann sich der geneigte Leser selbst aussuchen.
Es gibt zwar schon in der ersten Staffel queere Paare, es sind aber nur Frauen. Für die oben beschriebene Zielgruppe also „ungefährlich“. Als Protagonist ein harter Typ: Captain Flint reiht sich in eine ganze Reihe moralische zumindest grauer Antihelden ein, die vor nichts zurückschrecken, um ihr Ziel zu erreichen, von Walter White über Jack Bauer bis zu Batman, wir kennen diese Figur. In der ersten Staffel wissen wir noch nicht viel über ihn, nur dass etwas Schreckliches passiert ist und er nun besessen davon ist, Rache „an England“ zu nehmen. Was genau passiert ist erfahren wir in Staffel zwei: Captain Flint hatte eine Beziehung zu Thomas Hamilton. Als der Vater von Thomas dies erfuhr, zwang er seinen Sohn in eine Nervenanstalt, wo er verstarb. Flint musste aus England fliehen und schwor Rache. Dieser Twist ist in meinen Augen so großartig, weil die Serie es damit schafft, das Publikum dazu zu zwingen, Flint als komplexen Charakter zu sehen, sich sogar mit ihm zu identifizieren, um dann zu sagen „übrigens, dieser Mann hat einen anderen Mann geliebt und alles, was er bisher getan hat, ist dadurch motiviert.“ Flint entspricht in keinster Weise dem Stereotyp eines queeren Mannes, eher das Gegenteil. Aber er ist auch nicht einfach ein Charakter, der „zufällig“ auch queer ist. Seine gesamte Identität und Motivation leitet sich aus seiner Queerness und der damit verbundenen Ausgrenzung und Traumaerfahrung ab. Black Sails schafft damit den Goldstandard der Repräsentation: Einen Charakter, der komplex und vielschichtig ist, jenseits aller Stereotype, der Gleichzeitig aber durch seine Queerness zutiefst geprägt ist und der nur funktioniert, wenn man seine sexuelle Identität mitdenkt.

Und wer jetzt noch nicht überzeugt ist, für den habe ich noch einen letzten Grund, der Serie eine Chance zu geben: Billy Bones’ Oberarme. Wer Tom Hopper in The Umbrella Academy gesehen hat, weiß, wovon ich rede.

Black Sails findet ihr im Streaming aktuell auf z.B. auf Amazone Prime oder Apple+.

* Ich benutze hier bewusst den Begriff queer als Sammelbegriff. Ob ein bestimmter Charakter aus der Serie sich heutzutage als bi, pan, lesbisch oder schwul bezeichnet hätte, ist in meine Augen eine wenig sinnvolle Diskussion.