Gil, der unverdienteste Dschungelkönig

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Ich bin wütend. Ich bin wirklich wütend. Als der Name „Gil“ im Zusammenhang mit „du bist neuer Dschungelkönig“ fiel, musste ich den Fernseher ausmachen. Zu unerträglich war doch das Ergebnis – und zu groß das Unverständnis. Warum finden so viele Menschen „da draußen“ Gil Ofarim gut? Welches Dschungelcamp haben sie gesehen?

Wenn man nicht sämtliche Trash-TV-Formate hierzulande kennt, ist es oft eher so, dass einem die Hälfte des Dschungelcasts nichts sagt. Wahrscheinlich aber, dass der Name Gil Ofarim jedem vorher bekannt war. Denn 2021 warf er einem Hotelmitarbeiter in Leipzig vor, ihn ungerecht behandelt und antisemitisch angegangen zu sein. Nach dem Vorfall machte der Musiker ein aufgelöstes Video und stellte es auf Instagram ein. Die Empörung war riesig, sowohl das Hotel als auch der Mitarbeiter sahen sich mit einer Hasswelle konfrontiert, der Mitarbeiter soll Morddrohungen erhalten haben. Zwei Jahre hielt sich Ofarim an der Behauptung fest, bis es zum Prozess kam. Dort räumte er ein, dass die Behauptungen falsch gewesen seien. Ein Bärendienst an der jüdischen Gemeinde. Ein riesiger Schaden für das Hotel. Ein Hotelmitarbeiter, der wohl das Geschehene nie wirklich abschütteln kann. Und ein Musiker, der seitdem um seinen Ruf kämpft.

Wer sich vor dem Dschungelcamp auf Social Media tummelte, las häufig Kommentare wie: „Gil gehört nicht ins Dschungelcamp.“ „Ich gucke das nicht mehr, wenn er dabei ist.“ Und viele weitere Boykottaufrufe. Geholfen hat es nichts. Als er dann einzog, war es also auch kein Wunder, dass viele Erwartungen und Hoffnungen auf Ofarim lasteten. Nutzt er die Chance? Entschuldigt er sich auf der größten Bildfläche, die Fernseh-Deutschland zu bieten? Zeigt er ehrliche Reue?

Und recht schnell wurde klar: Nein. Ehrliche Reue zeigt er nicht. Vielmehr berief er sich auf eine Verschwiegenheitsklausel, die es so wohl gar nicht gibt. Der Anwalt des geschädigten Hotelmitarbeiters meldete sich dazu in einer Presseerklärung zu Wort. Darin heißt es: „Bestandteil der Beendigung des Verfahrens ist eine zwischen den Verfahrensbeteiligten bestehende und vereinbarte Unterlassungserklärung.“ und viel wichtiger: „Eine darüberhinausgehende Verschwiegenheitsverpflichtung ist nicht bekannt.“ Die Unterlassungserklärung wiederum betrifft die „Handlungen und Aussagen, die dem Strafverfahren vor dem Landgericht Leipzig zugrunde gelegenen Vorwürfe“. Anders formuliert: Ofarim darf seine Behauptungen nicht wiederholen.

Also sitzt er nun da, als Jesus Lookalike, guckt mit großen Dackelaugen in die Kamera – und redet, oder vielmehr schweigt. Das frappierende dabei ist, dass er den Eindruck erweckt, dass er doch nicht gelogen habe. Denn wenn er mal was sagt, ist es immer vage formuliert und bietet viel Raum für Spekulationen. Sätze wie „ich habe die Schuld auf mich genommen, wegen meiner Kinder“, „ich habe drei Sätze verlesen, das war es“ sind einzig und allein darauf ausgelegt, beim Zuschauer Zweifel zu sähen. Und wenn er gegen Ende sagt, er habe sich „für alles Mögliche bereits entschuldigt“ lässt das ebenfalls maximalen Interpretationsspielraum zu.  Ja, jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient. Doch zweite Chancen setzen auch voraus, dass sich der Mensch über seine Fehler im Klaren ist, dazu steht. Und Ofarims schwammige bis nicht existente Antworten lassen eine Einsicht vermissen.

Ich gebe zu, dass er mich vielleicht für zwei Sekunden auch hatte. Wer sich aber die Mühe macht, sich noch einmal mit dem Fall auseinanderzusetzen, stellt fest: Es gibt keine zwei Seiten. Es gibt Videoaufzeichnungen. Es gab Zeugenaussagen.

All das scheint vergessen. Stattdessen wird er gefeiert. Er liefere ja gut ab in den Prüfungen, heißt es. Er ist so ruhig und bei sich, heißt es weiter. Die perfekte Heldenreise, wie RTL sie sich jedes Jahr wünscht. Oder? Interessant bei der ganzen Inszenierung ist, dass die beiden Moderatoren Sonja Zietlow und Jan Köppen auffallend wenig Negatives über Ofarim zu sagen haben. Man könnte fast meinen, RTL wollte Gil auf Biegen und Brechen auf den Thron haben. Sicherlich gab es schon seit Anbeginn des Dschungelcamps Lieblinge, die besonders gepusht wurden. Bislang hatte man als Zuschauer aber zumindest den Eindruck, dass man es selbst in der Hand hatte. Erstaunlicherweise wird in diesem Jahr vom Sender häufig selbst die „Heldenreise“ als Begrifflichkeit verwendet. Normalerweise wurde dieser Begriff vor allem vom Publikum verwendet und die Kandidaten mussten sich das erst verdienen.

Auch in der Stunde danach fallen die Worte über Ofarim fast immer positiv aus. Er habe ja keinen umgebracht, sagt etwa eine Sonya Kraus. Also alles halb so wild. Dass er das Leben eines Menschen beinahe zerstört hat, spielt keine Rolle. Wir sehen das eigentliche Opfer ja nicht. Der Hotelmitarbeiter guckt uns nicht mit Dackelaugen an. Zudem werden ohnehin meistens körperliche Leiden über psychische gehoben. Warum eigentlich? Diese Frage kann wohl auch eine Sonya Kraus nicht beantworten.

Außerdem gibt es im Dschungel schnell ein neues Feindbild: die 22-jährige Ariel. Ja, sie ist laut und unbequem. Und so dürfen Frauen (in der Fernsehlandschaft und auch sonstwo) nicht sein.  Ariel ist nicht „das nette Mädchen“ – und sie macht mehr als deutlich, dass sie das auch nicht sein will. Ihr ist es egal, was andere von ihr denken und damit bricht sie genderstereotype. Das ist natürlich schlecht, für alldiejenigen, die Genderrollen so gernhaben. Klar, Ariel ist nicht unfehlbar – zum Beispiel mit ihren vielen Beleidigungen, wenn sie Mitcamperin Eva Benetatou als „Dreck“ und „Schmutz“ bezeichnet. Das muss nicht sein. Dennoch hat sie meistens in der Sache recht. Es ist unverständlich, warum ein Gil, der keine Reue zeigt im Dschungel ist. Wie er seine Fehler nicht einsieht oder einsehen kann. Dass er sich nicht dazu äußert, was vorgefallen ist, wobei jedem doch klar ist, wofür er eingekauft wurde.

Vielleicht ist es am Ende des Tages ausgerechnet Ariel, die so eine tiefe Abneigung gegen Gil verspürt, die im letztendlich zum Sieg verholfen hat. Denn was hasst eine Gesellschaft mehr als manipulative, unehrliche Männer? (Laute) Frauen.  Ariel sagt Gil konsequent, was sie von ihm hält – und das ist nicht viel. Sie bleibt dran, stellt immer wieder Fragen zu dem Fall, lässt nicht locker. Gil bleibt indes stoisch ruhig. Dafür feiern ihn die Zuschauer, während Ariel mit Kommentaren überschüttet wird, die man hier besser nicht wiedergeben sollte. Gleichwohl fragt man sich, ob diese Kommentare genauso ausfallen würden, wenn Ariel ein Mann wäre. Oder würde dieser dann für seinen stabilen Wertekompass gelobt? RTL tut sein Übriges noch dazu. Die Forderungen nach Antworten werden als Zumutung inszeniert. Gil Ofarim als gepeinigter Heiland. Im Dschungel stehend mit geschlossenen Augen, die Sonne fällt ihm ins Gesicht.

Und das ist auch eine Lehre aus dem Dschungel: Dass Männer Schaden anrichten und sich der Verantwortung entziehen können, aber trotzdem damit durchkommen. Zwar betonte Gil immer wieder Gebetsmühlenartig, dass er weder verurteilt, noch vorbestraft sei, aber freigesprochen, wie er behauptete, wurde er eben auch nicht. Das Verfahren wurde gegen eine Geldauflage eingestellt. Das ist etwas anderes als ein Freispruch. Aber was solls. Olaf Scholz wurde trotz Wirecard-Affäre Kanzler, Jens Spahn verschleuderte Milliarden Euro für Masken und er ist trotzdem Unionsfraktionsvorsitzender. Nicht zu vergessen unser ehemaliger Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer und seine fantastische Maut-Idee. Aber erinnern Sie sich noch an Anne Spiegel? Vermutlich nicht. Und vielleicht ist genau das der Punkt, der mich wirklich so wütend macht: Dass Männer (mit und ohne Macht) Leben beschädigen können, am Ende aber trotzdem als Sieger dastehen und gefeiert werden.

Und jetzt kommen sie wieder alle an mit ihrem „es muss doch auch mal gut sein“. Ja, das muss es. Wenn eine ehrliche Aufarbeitung erfolgt ist. Wenn keine Täter-Opfer-Umkehr stattfindet. Wenn man zu seinen Fehlern (öffentlich) steht und daraus lernt. Aber bis dahin scheint es noch ein langer Weg zu sein.